Berlinrundgänge mit Walter Kreipe
 

Wo Berlin ganz alt aussieht


Wo Berlin ganz alt aussieht - Durch Höfe und Hinterhöfe rund um den Hackeschen Markt

Treffpunkt: am östlichen Ausgang des S-Bahnhofs Hackescher Markt, vor „Coffeemamas“
Dauer: 2 – 2 ½ Stunden

Um 1750 machte sich der Berliner Stadtkommandant General von Hacke auf Befehl Friedrichs des Großen daran, dort, wo heute ICE-Züge und S-Bahnen Richtung Alexanderplatz fahren, die barocke Stadtbefestigung zu schleifen, davor Sümpfe trocken zu legen, Straßen und Häuser für arme Bauarbeiter zu bauen.
Freilich konnte er damals weder ahnen, dass rund hundert Jahre später ein Marktplatz, 250 Jahre später ein S-Bahnhof nach ihm benannt werden noch dass später einmal der Weg in das westlich Berlins gelegene Spandau nicht mehr durch die Spandauer Vorstadt, sondern durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten führen würde.



Hackes Markt, Kupferstich von Johann Georg Rosenberg, 1780

Da von Hacke seine Arbeit rund 2 km westlich der ehemaligen Berliner Vorratsscheunen - in der Gegend des heutigen Rosa-Luxemburg-Platzes- und der darum herum lebenden armen Schlucker, Trödeljuden und Prostituierten verrichten musste, hätte er nie im Traum daran gedacht, dass die Spandauer Vorstadt heute von manchen mit romantischem Unterton, vielleicht auch der Touristen wegen, Scheunenviertel genannt wird.
Heute ist die Spandauer Vorstadt ein Flächendenkmal voller einzigartiger Altbauten aus unterschiedlichen Epochen mitten im historischen Zentrum Berlins und zugleich ein schillernd bunter Lebensraum, gleichermaßen attraktiv für junge und ältere Berliner, für Besucher der deutschen Hauptstadt, für dynamische Start-Up-Unternehmer und Bewohner von „Pro Seniore“ in der Rosenthaler Straße.
Unser Rundgang verfolgt die Spuren jüdischen Lebens vom Ort der Alten Synagoge in der Heidereutergasse unweit der Marienkirche, auf Rosenbergs Stich deutlich sichtbar. Wir erinnern an den Widerstand der Frauen in Rosenstraße, dem Margarthe von Trotta in ihrem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt hat, an den mutigen Nazi-Gegner Otto Weidt, der in seiner Büstenwerkstatt bedrängten blinden Juden half sowie an die jüdische Widerstandsgruppe um Herbert Baum.
Wir durchstreifen das Jugenstiljuwel der Hackeschen Höfe, in denen der expressionistische Dichter Jacob van Hoddis 1909 den „Neuen Club“ gründete und mit seinem Gedicht „Weltende“ Furore machte. Wir schauen nach, wie sich das Ehepaar Hoffmann, reich geworden durch den Verkauf der „Van.Laack-Hemden“, in den Sophie-Gips-Höfen eingerichtet hat und versuchen uns anhand der noch erhaltenen Fassadenteile das Kaufhaus Wertheim von Alfred Messel in der Rosenthaler Straße vorzustellen. Wir besuchen den Koppenplatz, den ehemaligen Armenfriedhof, mit Karl Biedermanns Denkmal „Der verlassene Raum“ ( http://www.berlin-hidden-places.de ; dann weiter über Sachindex / Gärten, Parks und Plätze ).
Wir flanieren an den Galerien der Auguststraße entlang, gehen in die eine oder andere hinein, wenn gewünscht, und verschnaufen kurz in „Clärchens Ballhaus“. Dort amüsierte sich schon zu Kaisers Zeiten das einfache Volk dieser Vorstadt, dort stellten zu DDR-Zeiten reife Frauen beim „Ball Paradox“ den Männern nach.
Über 300 Jahre Berliner Stadt- und Architekturgeschichte! Was uns dieser Stadtteil mit der großen Tradition der Neuen Synagoge oder der Borromäus-Schwestern des St. Hedwig - Krankenhauses an Wunderbarem, Anrührendem, auch an Traurigem zu erzählen hat, wird uns während des Rundgangs näherkommen.
Wenn Sie Zeit genug mitbringen und es wünschen, können wir dem Helden der antinapoleonischen Befreiungskriege, dem General von Lützow und seinem Kampfgenossen, dem Hugenottensprössling Baron de la Motte Fouqué, Autor des Undine-Märchens, auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof in der Kleinen Rosenthaler Straße einen Besuch abstatten..

Auch Adelbert von Chamisso, Sohn französischer Revolutionsflüchtlinge, 1781 auf Schloss Boncourt in der Champagne geboren, erwartet vielleicht eine Stippvisite. Seine Büste steht wieder auf dem hervorragend restaurierten Monbijouplatz. Schloss Montbijou, Sitz der preußischen Königswitwen, in dem Friedrich der Große als kleiner Kronprinz bei seiner Großmutter Dorothea schlüpfrige französische Romane lesen durfte, ist leider auf immer verschwunden, aber der Park lädt Bewohner und Touristen gleichermaßen zur Rast ein. Dort, wo das Schloss stand, lernen heute Kleinkinder schwimmen, spielen Jugendliche Beach-Ball.

Mehr Information:

Volker Hübner, Christiane Oehmig, Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte. Ein Kunst-und Denkmalführer, Michael Imhof Verlag , Berlin 2003
Betroffenenvertretung Spandauer Vorstadt ( BV SpV ): www.bvspv.de

Regina Scheer, Ahawah. Das vergessene Haus. Spurensuche in der Berliner Auguststraße, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin , 2. Erweiterte Auflage 1997

Regina Scheer, Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe, Aufbau-Verlag Berlin 2004

Johanes Heesch, Ulrike Braun, Orte erinnern. Spuren des NS-Terrors in Berlin. .Ein Wegweiser, darin u.a. : Die Widerstandsgruppe Herbert Baum; Der Protest der Frauen in der Rosenstraße; Sammelllager Große Hamburger Straße; Der verlassene Raum und The Missing House; Neue Synagoge; Stolpersteine. Nikolaische Verlagsbuchhandlung Berlin 2003

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt. Katalog der Dauerausstellung, Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin, Tel.: ( 030 ) 28 59 94 07
www.blindes-vertrauen.de