Berlinrundgänge mit Walter Kreipe
 

Von den Hugenotten zu Napoleons Raub der Quadriga

Von den Hugenotten zu Napoleons Raub der Quadriga - Franzosen in Berlins Mitte

Treffpunkt: vor dem Haupteingang der Galeries Lafayette in der Friedrichstraße
Dauer: 2 ½ Stunden


Das 18. Jahrhundert gilt als das „französische Jahrhundert“ Berlins: Ab Oktober 1685, wenige Tage nach der Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV., läßt der Große Kurfürst rund 20000 französische Glaubensflüchtlinge, Hugenotten, ins Land holen. Wie das preußische Herrscherhaus halten sie sich an den Theologen Jean Calvin, gehören sie der Reformierten Kirche an. Aber was noch wichtiger ist: die gut ausgebildeten Glaubensbrüder beflügeln preußischen Handel und Wandel und helfen die Wunden des 30jährigen Krieges zu heilen. Über 6000 Hugenotten werden in Berlin angesiedelt, zunächst in der Nähe des Schlosses, dann in der Dorotheenstadt, auf dem Friedrichswerder, in der Friedrichstadt rund um den Gendarmenmarkt, aber auch in Moabit und Französisch Buchholz. Um 1700 spricht jeder fünfte Berliner Französisch. Unter die Flüchtlingen, aus der Nähe von Metz kommend, die de Maizières. Bis heute bestimmen sie das politische und kulturelle Leben Deutschlands mit.

"Die Wallfahrt nach Französisch Buchholz", Radierung von Daniel Chodowiecki,1779,Privatsammlung

Wir folgen diesen aus der Geschichte Preußens nicht wegzudenkenden Zuwanderern und deren Nachfolgern von der Französischen Kirche und den Kuppelbauten Gontards am Gendarmenmarkt aus in die Jägerstraße. 1769 wird dort Alexander von Humboldt, Sohn einer hugenottischen Mutter, geboren. In dieser Straße pflegt er wie sein Bruder Wilhem Bekanntschaft und Freundschaft mit der jüdischen Salonière Rahel Varnhagen und den Bankiers aus dem Hause Mendelssohn, Jägerstraße 51.
Ein detailfreudiges Stadtmodell der Berliner Mitte, ausgestellt am Hausvoigteiplatz, gestattet uns nachzuschauen, wo sich das Französische Gymnasium ursprünglich befunden hat: hinter Karl Friedrich Schinkels Friedrichwerderschen Kirche, dem ersten sakralen Backsteinbau seit dem Mittelalter. An ihm vorbei gelangen wir zur St.- Hedwigs-Kathedrale (1747-73). Auch sie ein Zeichen preußischer Integrationskraft. Wie den Hugenotten mit der Französischen Kirche auf dem Gendarmenmarkt (1705) , wie den 1771 aus Wien vertriebenen Juden mit der Alten Synagoge in der Heidereutergasse (1712), wie den aus Böhmen geflüchteten Protestanten, so sollten auch die nach den Schlesischen Kriegen zu Preußen gekommenen Katholiken eine Heimstatt in der Nähe des Stadtschlosses finden. Friedrich der Große bestimmte selbst den Standort am Forum Fridericianum, dem heutigen Bebelplatz. Er hätte, wie er einmal kundtat, wenn es denn nötig gewesen wäre, auch Türken Moscheen gebaut!
Schon in der Jägerstraße sind wir der zweiten Thematik dieser Führung begegnet: Napoleon. Nach 1814/1815 sorgten die jüdischen Bankiersbrüder Joseph und Abraham Mendelssohn im Auftrag Friedrich-Wilhelms III. für den Transfer der französischen Kriegskontributionen nach Berlin.
Auf der Grünfläche vor dem Operncafé, dem früheren Kronprinzessinnenpalais, begrüßen uns die Militärs Blücher, York und Gneisenau. Blücher, Marschall Vorwärts, sorgte nicht nur für die Niederringung Napoleons, er holte auch die von diesem geraubte Quadriga auf das Brandenburger Tor zurück. Wunsch der Berliner war es, dass Napoleon die Göttin samt Viergespann auf seinem Rücken hätte zurücktragen sollen, aber das war sicherlich etwas zuviel verlangt.




Der Wunsch der Berliner, anonym, kolorierter Kupferstich, 1814
Stiftung Stadtmuseum, Stadtmuseum Berlin


Wie die anderen Beutestücke, die Münzsammlung aus dem heutigen Bodemuseum, die Statuen aus Schlössern und Gärten, die Gemälde, Altertümer und Schätze aus königlichen Galerien und der Kunstkammer im Stadtschloss, kurz, wie fast alles, was Dominique-Vivant Denon, der „Einpacker Napoleons“, nach Paris entführt hatte, an die Spree zurückkam, das erfahren Sie spätestens in der Rotunde des Alten Museums am Lustgarden, wo dieser Rundgang enden wird.

Benjamin Zix: Vivant Denon in der Kunstkammer des Berliner Stadtschlosses,1807, Privatsammlung Paris


Zuvor stellen wir uns noch die Frage: Warum stehen die Generäle der antinapoleonischen Befreiungskriege von Scharnhorst und von Bülow, nicht wie von Schinkel vorgesehen, auf ihrem angestammten Platz rechts und links der Neuen Wache? Werden sie eines Tages wie wir bei unserm Rundgang die Straße überqueren? Rücken dann auch Marschall Blücher und seine Kameraden, die Helden der Befreiungskriege, nach auf ihre alten Plätze am Rand der von Schinkel geplanten Via Triumphalis zwischen Schlossbrücke und Reiterdenkmal Friedrichs des Großen?

Eduard Gaertner: Blick auf das Kommandantenhaus und das Königliche
Schloss von der Neuen Wache aus, 1849, Hamburg, Kunsthalle

Zum Glück stehen in Schinkels Kastanienwäldchen hinter der Neuen Wache keine französischen Beutekanonen mehr, auf denen das ganze 19. Jahrhundert hindurch Kinder herumtobten. Aber das Palais am Festungsgraben, Sitz des Steinschen Ministeriums, ist noch da. An seiner Fassade eine viel zu hoch angebrachte Gedenktafel, wohl noch aus der patriotischen Spätphase der DDR, als auch der Alte Fritz wieder Unter den Linden reiten durfte. Viel zu klein, reicht sie nicht aus, diesen großen Staatsmann gebührend zu würdigen, der Preußen nach dem Desaster von Jena und Auerstedt aufrichten half.

Am Zeughaus hatte um 1700 der Hugenotte Jean de Both das letze Wort, nachdem Andreas Schlüter die Nordfassade eingestürzt war. Gegenüber in der schneeweiß rekonstruierten Stadtkommandantur, heute Berlin-Sitz von Bertelsmann, hatte ab Ende Oktober 1806 Kriegskommissar Henri de Bayle seinen Schreibtisch. Später nannte er sich Stendhal und schrieb den berühmten Roman „Rot und Schwarz“. Als rechte Hand Monsieur Denons führte die Listen der nach Paris zu schaffenden Kunstwerke. Zwischendurch schaute er aus dem Fenster und dachte nach: “Das Spreewasser sieht wie grünes Öl aus. Berlin liegt in einer Sandwüste, die ein wenig nordöstlich von Leipzig beginnt. Die Plätze sind nicht gepflastert, sodass man bis an die Knöchel einsinkt. Ich begreife nicht, wie jemand auf den Gedanken geraten ist, mitten in diesem Sand eine Stadt zu gründen.”
Was der Kriegskommisar nicht wissen konnte: Berlin würde trotz Sand, trotz verheerender Niederlage bald wieder aufblühen, nicht zuletzt dank der Hugenotten. Napoleon hatte vergeblich auf sie als fünfte Kolonne gebaut. Sie waren längst “gute “ Preußen geworden: Wer Blanc hieß, taufte sich um in Weiss, aus den Lejeunes wurden die Jungs. Nicht alle Hugenotten ruderten so hoch auf der patriotischen Welle, wie ein Blick ins Telefonbuch zeigt, und zum Glück haben sich im Berliner Jargon bis auf den heutigen Tag einige französische Brocken erhalten.
Obwohl die napoleonische Besatzung schwer auf den Berlinern lastete, löste sie längst überfällige Reformen in Preußen aus. Napoleon hatte, einem Wort Goethes zufolge, die Deutschen „aufgestöbert“ wie Feldhasen und ihnen damit einen gewaltigen Modernisierungsschub verpasst. Was von ihm bis auf den heutigen Tag im Stadtbild von Berlins Mitte noch zu sehen ist, wird uns in der letzten Viertelstunde unseres Rundgangs beschäftigen.

Mehr Information:

Cyril Buffet, Fisimatenten. Franzosen in Berlin und Brandenburg. Les Français à Berlin et en Brandebourg ( zweisprachige, preiswerte Broschüre ), Herausgeber: Der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration, Potsdamer Straße 65, D – 10785 Berlin, Tel.: - 030 – 9017-2351,
www.berlin.de/auslb

Werner Gahrig, Unterwegs zu den Hugenotten in Berlin. Historische Spaziergänge, edition ost im Verlag Das Neue Berlin, 2000 ( mit französischen Zusammenfassungen )

Ewald Harndt, Französisch im Berliner Jargon, Jaron Verlag Berlin,2005

Frank Bauer, Napoleon in Berlin. Preußens Hauptstadt unter französischer Besatzung 1806 –1808,Berlin Story Verlag 2006

Pierre-Paul Sagave, Berlin und Frankreich 1665-1871, Berlin 1980 ( erhältlich über den modernen Antiquariatshandel, z.B. www.zvab.de )

weitere Hinweise unter: www.Napoleon-in-Berlin.de; www.Franzosen-in-Berlin.de; sowie unter Google-Stichwort: „Französisch im Berliner Jargon“, „Franzosen in Berlin“